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Dynamo Dresden gegen RB Leipzig. Szenen eines Spiels

Deutschland erwartet Großes am Sonnabend. 1. Runde DFB Pokal, 15:30 Uhr. Dynamo Dresden empfängt den unbeliebtesten Bundesligisten aller Zeiten. Die den deutschen Eventsport belebenden Frischlinge von RB Leipzig gegen die schwarzen Schafe des DFB-Landes. Der ultimative Kampf morgen gegen gestern. Das Spiel Zivilisation gegen Chaos, Entertainment gegen Leidenschaft.
Seit die ostdeutsche Spitzenfußballverheißung in Leipzig konstruiert wurde, gab es erst eine Begegnung dieser beiden Mannschaften. 2011 spielte Dynamos zweite Mannschaft im Sachsenpokal gegen die damals noch in der 4. Liga feststeckenden Leipziger. Das Spiel interessierte in Dresden niemanden, weil die 1. Mannschaft gerade damit beschäftigt war, die Relegation zur 2. Liga für sich zu entscheiden. Danach stiegen die beiden Teams stets aneinander vorbei auf bzw. ab. Während sich also die Traditionsverteidiger von so gut wie jedem anderen Verein an Rasenball abarbeiten konnten, blieb der unmittelbare Nachbar davon verschont. Oder besser, blieb man in Leipzig vor dem unmittelbaren Nachbarn verschont. Bis die 1. DFB-Pokal-Runde 2016/17 ausgelost wurde.
Kein Superlativ, der seitdem nicht bemüht wurde. Dynamo besteht darauf, das es kein Derby ist. Den Verantwortlichen in Fuschl ist das ohnehin egal. Giftpfeile werden geschossen, es ist die Rede von Krieg, Angst vor Ausschreitungen nie dagewesenen Ausmaßes macht die Runde, Dynamo will in diesem einen Spiel beweisen, dass der Weg von Red Bull zum Scheitern verurteilt ist. Die Fans von RB schließen ein Stück weit zu den Traditionsvereinen auf, indem sie ganz selbständig ein eigenes wirklich schlechtes Mobilisierungsvideo veröffentlichen, in dem sie dazu aufrufen, in Weiß nach Dresden zu fahren.


Aber was ist dran an der Hysterie? Was kann wirklich passieren? Was erwartet Fußballdeutschland an diesem 20. August 2016?
Wir haben den Check gemacht und die idealen Szenarien des Spiels aus Perspektive der Protagonisten außerhalb des Spielfelds aufgezeigt.

Das reichenweitenstarke Szenario für diensthabende Redakteure in Hamburg, Mainz und Berlin
Die ersten vielversprechenden Meldungen für einen nachrichtenstarken Tag aus Dresden erreichten die Redaktionen bereits in der Nacht. Laut Polizei gab es einen Anschlag auf den Mannschaftsbus von RB. Dieser wurde im Schutz der Dunkelheit mit einem Kuhfladen beworfen.
Der sich zum Tagesbeginn aufbauende Optimismus wird nicht enttäuscht. Schon vor dem Spiel gibt es Meldungen, dass im Stadtgebiet von Dresden massiv gezündelt wird. Alkoholisierte Dynamofans bepöbeln die vom Hauptbahnhof zum Stadion laufenden RB-Anhänger. Nur ein großes Polizeiaufgebot kann die friedlichen Gästefans vor Schlimmerem schützen. Dennoch verschütten viele Leipziger in der Aufregung ihre Limonade, was hässliche Flecken auf den weißen Nickis hinterlässt. Während des Spiels sind die Gästefans permanenten Anfeindungen ausgesetzte, Schimpfwörter fliegen in Richtung Gästeblock, so genannte Fans brennen Pyrotechnik ab. Meldungen, wonach in einem Dresdner Block ein „Roter Bulle“ am Spieß gebraten wird, müssen bedauerlicherweise mit der Einschränkung „unbestätigt“ veröffentlicht werden.
Nach dem Spiel verlassen die Leipziger das Stadion fluchtartig und müssen auf schnellstem Weg zum Bahnhof geleitet werden. Überall hüpfen grölende Männer in Schwarzgelb durcheinander. Sie sind die vollkommen außer Rand und Band. Dresden steht vor der vollkommenen Verwüstung. Nur mit großer Mühe erreichen einige Gäste pünktlich ihren Zug. Es ist nicht auszuschließen, dass es der letzten ist, der die Stadt verlassen wird.
Achso. Dynamo hat 2:0 gewonnen, wird aber vom DFB auf Lebenszeit aus dem Pokal ausgeschlossen werden müssen. Mindestens.

Das ideale Szenario aus Gästesicht
Im Sonderzug nach Dresden werden die ausgeteilten Zettel mit den anzustimmenden Fangesängen studiert. Echte Auswärtsfahrtstimmung kommt ab Riesa beim gegenseitigen Abfragen der Texte auf. Im Bahnhof des Tals der Ahnungslosen gibt es die ersten Spannungen mit den bereitstehenden Polizisten. Die als Geleitschutz zum Stadion angetretenen Einheiten können nur mit Mühe verhindern, dass RB-Fans die umliegenden Supermärkte stürmen, um die ausgetrunkenen Pfanddosen zurückzugeben. Auf dem Weg ins Stadion werden nette Gespräche mit den sie begleitenden Polizisten geführt. Als aber eine Horde Dynamofans lautstark „Bullenschweine“ kreischt, kochen die Emotionen hoch. Leipziger und Polizisten können sich nicht einigen, wer sich angesprochen fühlen soll. Im Stadion angekommen gönnen sich die Auswärtsfahrer eine Bratwurst. Diese im Stehen zu essen sorgt für unschöne Zwischenfälle, die zu hässlichen Flecken auf den weißen Nickis führen.
Unmittelbar nach dem Anpfiff werden die ersten Unmutsäußerungen im Gästeblock laut. Wieder steht bei RB kein Millionenneuzugang auf dem Platz: „Langsam hab ich meine Zweifel, ob es wirklich eine gute Idee war, jetzt kein Bayernfan mehr zu sein. Die haben wenigstens kein Problem, mal ein paar Millionen in die Hand zu nehmen.“ Leider werden Gespräche immer schwieriger, da man bei der Geräuschkulisse sein eigenes Wort nicht versteht. Also Fahnen schwenken und das frisch gelernte Liedgut anstimmen. Aber bei dieser Lautstärke kann sich wirklich kein Mensch auf den Text konzentrieren.
Außerdem führt Dresden schon 1:0, da macht das Gesinge jetzt auch keinen Sinn. Dann lieber noch eine Bratwurst holen. Dort hinten ist es ohnehin ruhiger. Plaudernd werden auf dem Ticker die Ergebnisse auf den anderen Plätzen ausgewertet oder die kurzweiligen Gespräche drehen sich um die in einer Woche beginnende Bundesliga. Marvin Stefaniak macht das 2:0 für Dynamo. Wieder Unruhe unter den Leipzigern. „Warum spielt der immer noch bei Dynamo und nicht für uns?“ Abpfiff. Ausgeschieden. „Ist egal, dafür sind wir bald in der Champions League. Das hier ist einfach unter unserem Niveau“ Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel stellt Ralf Rangnick Stefaniak als Millionen-Neuzugang von RB vor. „Na also, wir brauchen nicht gewinnen, um zu zeigen, dass wir Krösus sind.“ Ein rundum gelungener Tag.

Das Traumszenario für Dynamofans
Nach einigen halbherzigen Diskussionen innerhalb der Fanszene, ob das Spiel boykottiert werden sollte, sprachen die Ultras – in Person von Capo „Lehmi“ – ein Machtwort. Zum Spiel alle in Gelb und dann eine brutale Wand gegen Leipzig: „Wenn die ins Stadion rein kommen, dann muss hier die Hölle los sein.“

Und die brutale Hölle ist an diesem Tag im Stadion wirklich los. Die Choreografie des K-Blocks wird umgehend zur besten aller Zeiten gewählt. Elf Sekunden nach Anpfiff sind die zaghaften und wenig selbstbewusst vorgetragenen Gesangsversuche der Leipziger im Keim erstickt. Einigen Gästen ist die Kippe aus dem Mund gefallen, und hat hässliche Flecke auf dem weißen Nickis hinterlassen. Der Rest ist zitternd in sich zusammengesunken und will von Mutti abgeholt werden. Die Tribünen beben, es gibt keinen Dynamofan, der sich nicht Seele und Alk aus dem Leib schreit und steht. Nach 60 Minuten führt der Bundesligist trotzdem 2:0. Tut der Stimmung aber keinen Abbruch, denn: „Hier regiert die SGD“. Mit zunehmender Spieldauer werden aber doch die ersten Feuerzeuge aus den Hosentaschen gekramt. Wenn schon kein Tor fällt, dann wenigstens ein Leipziger Spieler… Aber Dynamo mit einer Doppelchance. Da geht noch was. Vielleicht doch lieber anfeuern statt werfen. Und schließlich der letzte Wechsel. Der Ex-Leipziger Stefan Kutschke kommt und dreht im Alleingang das Spiel: 79.,82., 86., 92. – 4:2. Abpfiff. Die Fans drehen durch, viele verlieren vor Freude das Bewusstsein. Niemand verlässt den Ort des epochalen Sieges, und im Mittelkreis wird aus Feuerzeugen und Bierbechern ein Kutschke-Denkmal gebaut.

Das Wunschszenario für Fans aller ehrlicher Traditionsvereine
Nachdem Dynamo die verhassten Rasenballer aus dem Stadion geschossen und gebrüllt hat, gibt Dietrich Mateschitz bekannt, dass alles nur ein großer Witz war, auf den ihn Jan Böhmermann gebracht hatte. Es sei faszinierend gewesen, zu sehen, wie Ernst alle diesen Heidenspaß genommen haben. Schon beim Namen „Rasenball“ hätte es wirklich jedem auffallen müssen, dass es sich um eine Satire handelt, welche die Auswüchse des modernen Fußballs kritisieren soll. Auch dass die Wahl ausgerechnet auf Leipzig fiel, hätte für Misstrauen sorgen können. Wie soll ein Unternehmen, dessen Marketing für Coolness und Extreme steht, ausgerechnet mit der sich selbst überschätzenden ostdeutschen Provinz sein Image aufpolieren? Und hatte irgendwer wirklich geglaubt, dass ein Weltstar dazu zu bewegen sei, irgendwo zwischen München und Berlin eine vollkommen unbekannte Mannschaft in die Champions League zu schießen? Die Aktion habe überdeutlich gezeigt, dass niemand im Fußballbusiness Spaß versteht und weder Funktionäre noch Fußballjournalisten einem geschenkten Bullen ins Maul schauen. Stattdessen gingen plötzlich Familien und erfolgshungrige Schnösel zu Tausenden zum Fußball und machten alteingesessenen Clubs die Erfolgsfans streitig. Deshalb sei es nun an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen und der Welt der deutschen Traditionsvereine ihre Unschuld wiederzugeben.

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  1. August 19, 2016 um 12:44 pm

    Hallo, witzig geschrieben. Danke dafür. Ich denke ja, dass das Alles morgen viel entspannter abgeht. Wenn wir ehrlich sind, wollen doch alle in der sächsischen Provinz – entweder in der Weltstadt oder in der Landeshauptstadt – ein packendes und gutes Spiel sehen.
    Dass es immer irgendwelche Ausschreitungen bei Derbys (er hat Derby gesagt, hihi) gibt, ist ja nun nichts neues. Und letztlich sind das doch Animositäten, die nicht allzu weit weg von „Lüdenscheid-Nord gegen Herne-West“.

  1. August 21, 2016 um 1:43 pm

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