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Wie ich mit Dynamo (fast) aufgestiegen bin. Teil 2

Nachdem es vor einer Woche gegen Kiel nur ein bisschen mit dem Aufstieg geklappt hatte, sollte nun in Magdeburg alles gut werden. Doch dann wurde es zumindest einmalig. 

Magdeburg? Wer will denn schon nach Magdeburg? Ich bisher jedenfalls nicht. Aber was tut man nicht alles für die Liebe. Und meine Liebe Dynamo Dresden sollte ja immerhin in die 2. Liga aufsteigen. Einige Stunden Zugverspätung, eine Taxifahrt durchs Magdeburger Umland, Dynamo-Chaoten und Prügelpolizisten, ein nicht gesehenes Fußballspiel und 80 Euro später weiß ich: Ich hätte bei meiner Meinung bleiben sollen. Protokoll eines verbrauchten Samstags:

09:45 Uhr: Gemischtwarenladen im Bahnhof Berlin Alexanderplatz. Drei Dosen Wegzehrung. 7,05 Euro. Wucher. Ich räche mich mit einem 50-Euro-Schein.

10:03 Uhr: Regiobahn nach Magdeburg. Freie Platzwahl. Entspannte Fahrt.

10:45 Uhr: Der Zug hält auf freier Strecke. 20 Minuten Verspätung.

11:45 Uhr: 52 Minuten Verspätung. Als Entschädigung endet die Fahrt in Burg. Alle Fahrgäste nach Magdeburg sollen bitte in den nachfolgenden Zug (20 Minuten Verspätung) einsteigen.

12:30 Uhr: Ankunft Burg. Um pünktlich zu sein, entscheiden wir uns für ein Taxi zum Stadion. Vier Brandenburger Dynamo-Fans schließen sich an. Der Taxifahrer ist freundlich, hält uns aber für FCM-Fans. Wir entscheiden uns, ihn am Leben zu lassen.

13:15 Uhr: Stadion in Sichtweite. Gästefans stehen auf einer kleinen Kreuzung rum, umringt von behelmter, streng blickender Polizei. Kein Weiterkommen zum Stadion. Gemeinsames Warten auf den Fanmarsch.

13:30 Uhr: Alle sind da. Alle in Schwarz. Manche schauen mindestens so böse wie die Polizei. Ihre Blicke und Mimik passen nicht so recht zur Vorfreude auf den bevorstehenden Aufstieg.

13:32 Uhr: Lieber hinten einreihen. Vorn sieht es nach Ärger aus.

13:36 Uhr: Ankunft auf einer Wiese. Vor uns ein Zaun, ein zweiflügliges Schwenktor, dahinter ein riesiger Vorplatz mit Fußballfeld und irgendwo dahinten das Stadion.

13:37 Uhr: Anstellen.

13:47 Uhr: Vorne gibt es Tumulte. Gebrüll. Flaschen und gelbe Rauchtöpfe fliegen in die eine, Pfefferspray und Knüppel in die andere Richtung. Alle laufen vom Tor und vor der Polizei weg. 

13:48 Uhr: Die Lage hat sich beruhigt.

13:50 Uhr: Durchsage Polizei: „Verhalten Sie sich ruhig. Bitte gehen Sie wieder zum Tor, um eingelassen zu werden.“

13:52 Uhr: Ich gehorche und kehre zum Tor zurück. Allerdings scheint jemand daran gerüttelt oder nicht „Bitte“ gesagt zu haben. Pfefferspray. Jagdszenen auf jeden, der sich bewegt. Altersunabhängig.

13:52 Uhr: Durchsage Polizei: „Bitte verhalten Sie sich ruhig. Die Polizei ist an keiner Eskalation interessiert.“ Na wenn das so ist.

13:55 Uhr: Dynamo-Capo „Lehmi“ richtet sich mit Megafon an die Wartenden. Beruhigt und erklärt, dass es gleich reingeht.

 

13:58 Uhr: Offenbar haben beim ersten Tumult ein paar Dutzend Heinis den Einlass überrannt und auf dem Stadionvorplatz Absperrgitter umgehauen. Das muss erstmal aufgeräumt werden, dann soll es weitergehen.

14:00 Uhr: Anpfiff in fünf Minuten. Hier tut sich nichts. Danke an die geistigen Tiefflieger aller Seiten.

14:02 Uhr: Wieder „Lehmi“: Es soll gleich weitergehen. Der Anpfiff würde um 15 Minuten verschoben. Alle kämen gleich rein.

14:05 Uhr: Der Anpfiff wurde nicht verschoben. Drin tobt der Magdeburger Support. Statt im Block Stimmung dagegen zu machen, stehen wir im Schatten von Wasserwerfern, gewürzt mit Pfeffer.

14:07 Uhr: Wir singen unsere Hymne. „Ob um Punkte oder im Pokal, wir Fans sind da, in großer Zahl. Wir verpassen nie ein Spiel….“ Da bin ich mir gerade nicht so richtig sicher.

14:08 Uhr: Die Zeile der Hymne „schon vor dem Stadiontor singt unser Riesenchor“ hat in diesem Augenblick auch was Tragikomisches.

14:15 Uhr: Tumulte am Zaun.

14:16 Uhr: Um mich herum brechen Leute in Tränen aus. Scheint nicht am Spiel oder der Aufstiegsfreude zu liegen.

14:20 Uhr: Durchsage Polizei: „Bewahren Sie Ruhe. Es gibt keinen Grund zur Aufregung.“ Soso. Sicher. Ihr wollt ja auch nicht zum Spiel.

14:30 Uhr: „Lehmi“ erklärt, der Veranstalter habe den Einlass aufgegeben, und dass keiner von uns ins Stadion kommen wird. Zumindest heute nicht mehr. Gute Idee. 700 enttäuschte Fans stehen zu lassen. Das trägt sicher enorm zur Entspannung der Lage bei.

14:31 Uhr: So zurückgewiesen habe ich mich zuletzt gefühlt, als mich Manuela aus der 8b trotz eines feuchten Kusses beim Liebesskat für den 18-jährigen Kadett-Fahrer sitzenließ.

14:33 Uhr: Mein Bier ist alle. Langsam wird mein Geduldsfaden sehr seiden.

14:35 Uhr: Erstaunlicherweise passiert nicht der große Ausraster. Die meisten Fans beschränken sich auf unsachliches Rumgeschimpfe und Tritte gegen leere Flaschen. Frustabbau light.

14:40 Uhr: Die Polizei vertreibt sich die Zeit damit, in Grüppchen über den Platz zu laufen und rumstehende Menschen zu filmen.

14:45 Uhr: Einige Dutzend sportlicher Fans rennen um das Gelände rum, brechen irgendwo ein Tor auf und stürmen auf den Vorplatz. Dort werden sie von der Polizei eingekesselt. Die Lage ist auf die Distanz unübersichtlich, da beide Gruppen—Polizei und Fans—sich sehr ähnlich sind. Vom Habitus und in den Farben. Beide in Schwarz.

14:55 Uhr: Frustrierendes Rumstehen. Drin steht es inzwischen 1:0 für die Falschen.

15:00 Uhr: Von den Daheimgebliebenen sickern Infos durch. Magdeburg hat von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht. Weil einige Dynamo-Fans ohne Karten versucht hätten, sich mit Gewalt Zugang zum Stadion zu verschaffen, seien alle noch draußen Stehenden ausgeschlossen. Na dann…

15:01 Uhr: Entscheide mich, künftig keine Blonden mehr bei mir zu Hause reinzulassen. Manuela war blond. Und die war immerhin mal sehr böse zu mir. Hausrecht!

15:02 Uhr: Klar, was man in den kommenden Tagen zu hören bekommt. Alle böse, außer Polizei. Wenn ich unser Gewaltproblem nicht in den Griff bekomme, muss ich halt mit den Konsequenzen leben.

15:04 Uhr: Statt nur dumm rumzustehen, sollte ich mich vielleicht nützlich machen und schonmal damit beginnen, unsere Fanszene zu reinigen.

15:08 Uhr: Reinigungsarbeiten wegen mangelhafter Mitarbeit abgebrochen. Überlege stattdessen, ob ich noch genug Asche habe, um sie mir als Sippenhaftender bei Gelegenheit aufs Haupt zu streuen.

15:09 Uhr: Zumindest gibt es hier genug leere Flaschen. Die liegen überall rum. Wenn ich sie sammle, könnte das einen Teil des Eintrittspreises refinanzieren.

15:10 Uhr: Sinnlos, ich entscheide mich, den Ort des Aufstiegs zu verlassen. Ohne Flaschen.

15:30 Uhr: Auf dem Weg zur Haltestelle informiert mich der Ticker, dass in sieben Minuten drei Tore gefallen sind. 2:2. Wir sind drin in Liga 2. Meine Begeisterungsstürme halten sich in Grenzen. 

Abpfiff: Geschafft! Pünktlich zum Aufstieg sind wir in die Randale-Berichterstattung zurückgekehrt.

15:55 Uhr: Episch! Ich feiere Dynamos Aufstieg in einer komplett leeren Straßenbahn. Kein Bier. Kein Hüpfen, obwohl ich kein Magdeburger bin (Wer nicht hüpft, ist Magdeburger…) und eigentlich auch nie hier sein wollte. 

Aber warum das alles? Mit etwas Abstand war’s die hässliche Mischung aus dynamischen Gehirnverweigerern, inkompetenter Organisation und übermotivierter Polizei. Unglaublich, dass es immer noch diese Hansel in unseren Reihen gibt, bei denen sogar vor einem solch freudigen Spiel die Sicherungen durchbrennen, so sie welche haben. Dass sie ihren eigenen Egoismus über alles stellen und glauben, es sei eine vielversprechende Idee, den Einlass zu stürmen, um irgendwie rein zu kommen. Die traurige Wahrheit: Dummheit stirbt nie aus. Diesen Fans ist es vollkommen egal, was um sie herum geschieht. Sie wissen, wie die Reaktion der Polizei auf solche Aktionen aussieht. Sie wissen, dass dann auch Unbeteiligte ihr Fett wegbekommen. Das alles wissen sie spätestens seit dem DFB-Pokal in Hannover.

Und sie tun es trotzdem und fühlen sich toll dabei. Weil eben Wissen nicht zwangsläufig mit Denken einhergeht. Irgendwer hat ihnen mal gesagt, dass Magdeburger die Bösen sind. Niemand weiß, warum. Wurde halt festgelegt, weil zum Fußball nicht nur 22 Spieler, zwei Tore und ein Ball gehören, sondern unsinnigerweise auch Feindschaft. Aus einer Zeit lange vor ihrer Geburt. Möglicherweise, weil Magdeburg am gleichen Fluss liegt, oder weil sie—wie wir—in grauer Vorzeit mal Erfolg hatten, vielleicht auch weil sie auch im Stadion laut sind. Schwanzvergleiche. 

Leider war das deshalb auch absehbar. Muss ja irgendeinen Grund gehabt haben, dass die Verantwortlichen vorgaben, sich auf ein Risikospiel vorbereitet zu haben. Aber wie konkret sah denn dieses Mega-Sicherheitskonzept aus? Wurden die Hundertschaften Polizei aus sechs Bundesländern nach Magdeburg gekarrt, um eine Kindergruppe zum Schulsport zu begleiten? So traurig es ist, aber offenbar wurde ja durchaus in Betracht gezogen, dass unter den Schwarz-Gelben einige nicht gelbe Schafe aufschlagen werden. Da wäre es doch eine gute Idee gewesen, sich für verschiedene Szenarien zu wappnen. Zum Beispiel einen Einlass vorzubereiten, der nicht aus ein paar Absperrgittern und einem Flügeltor auf freiem Feld besteht.

Stattdessen wurde mit warten lassen und auf Krawall gebürsteter Polizei noch Öl ins Feuer gegossen. Fingerspitzengefühl ist eben nicht, Durchsagen zu machen, dass die Polizei an keiner Eskalation interessiert sei, während die behelmten Kollegen mit Pfefferspray durch die Reihen gehen. So viel Sensibilität zeigte zuletzt Gary Oldman in „Leon der Profi“, wenn er zu Beethoven-Musik Leute das Lebenslicht ausknipste. Letztlich allen Unbeteiligten den Zutritt zu verwehren, und das mit Ereignissen zu begründen, auf die man hätte vorbereitet sein müssen, ist ein Armutszeugnis. Wenn außerhalb von Magdeburg Chaoten ohne Karte Einlass begehren, wird das in der Regel damit gelöst, die Störer aus dem Verkehr zu ziehen und dann ganz simpel die Tickets zu kontrollieren. Aber das eigene Versagen kann man ja wunderbar hinter dem Hochgeigen von (leider) spieltypischen Tumulten verstecken. Der alleinige Schuldige steht dort und trägt Schwarz-Gelb.

Der Text erschien zuerst bei sports.vice.com.

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