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Traditionskunde: Dy-na-mo!

Es war eine Zeit, in der Trikot noch Jersey hieß, Spieler so lange bei Dynamo kickten, dass sie eigene Reime bekamen, das Double noch ein Doppelgewinn war und Dixi Dörner von Fans entkleidet wurde.  Dieser 43 Jahre alte Artikel gibt Einblicke in die Fanszene der SG Dynamo Dresden. Nach dem erstmaligen Gewinn von Meisterschaft und Pokal widmete ihr die Neue Berliner Illustrierte (NBI) einen mehrseitigen Artikel. In der 2.-Juli-Ausgabe von 1971 berichtet Autor Ullrich Wernicke über die Fangesänge, die Leidenschaft und die Verrücktheiten unserer Väter. Auch mahnende Worte in Richtung von Problemfans fehlen nicht.  Bemerkenswert sind Stil und Ausdruck, die man so bestenfalls noch im Kulturteil findet und doch mit Sätzen, die auch heute genau so stehen könnten. Dynamo war auch schon damals anders!

…. 7, 8, 9, 10 Klasse! 

Ein Bericht von Ullrich Wernicke (Text) und Johannes Berndt (Bild)

nbi-titel

Ingrid Haustein, Gattin von Dynamo-Verteidiger Wolfgang Haustein, als Vorzeige-Spielerfrau.

„Tausende sind hell begeistert, alle woll’n ins Stadion ‚rein, denn das ‚7 – 8 – 9 – 10 – Klasse!‘ will ja heute jeder schrein’n.“

So dichtete Wolfgang Roeder, Chef der „Vier Brummers“, in dem von Tanzsinfoniker-Trompeter Günther Karpa vertonten Schlager, den diese beiden aus der großen Schar prominenter Dresdner Fußballanhänger „ihren“ Dynamos kredenzten. Denn dieser „Klasse-Ruf“, mit dem man inzwischen in allen Stadien der Republik besondere sportliche Leistungen zu honorieren pflegt, ging einst von Dresden aus. Dort selbst freilich wird er nur noch gelegentlich bemüht. Denn das Repertoire der Anfeuerungssprüche wuchs während der vergangenen Saison in gleichem Maße wie die Leistung ihrer Stimulanten. Zwar vollbringt Pegasus manchmal auf den Rängen des Dresdner Fußballpublikums einige tolle Bocksprünge bei der Entstehung neuer Anfeuerungs-Gesänge, aber Reaktionsschnelligkeit und Originalität sind ihren Schöpfern ganz gewiß nicht abzusprechen.

„Sa-a-mmer, Sa-a-mmer, schieße noch ein Kopfballtor, in die rechte Ecke“, singt man z. B. nach der „Gartenzwerg“-Melodie, auf die Spezialität des langen Blondschopfes gemünzt. Als der Leipziger Lisiewicz in Dresden versehentlich das Leder in die eigenen Maschen beförderte, wurde postwendend umgetextet: „Lisiewicz, Lisiewicz, schieße noch ein Eigentor in die rechte Ecke.“ Ungesungen kursieren außerdem Verse für jeden einzelnen der Gelbhemden. Hier einige Kostproben. Dynamo ohne Sachse, ist wie ’ne Großstadt ohne Taxe. Dynamo ohne Riedel ist wie ’n Geiger ohne Fiedel. Dynamo ohne Sammer ist wie ’n Amboß ohne Hammer.“

Nicht weniger als 296.000 Zuschauer, unter ihnen auch regelmäßig viele Spielerfrauen wie Ingrid Haustein (unser Titelbild), strömten während jener Erfolgsmeisterschaft zu den Heimspielen der Dynamos. Das ergibt im Schnitt knapp 23.000 pro Begegnung (auswärts waren es 189.000 – etwa 14.500 je Duell). Eine Kulisse, von der man andernorts nur träumt. Mithalten konnte da allenfalls noch der HFC-Chemie, dessen Kassierer im Kurt-Wabbel-Stadion 1970/71 insgesamt 229.000 Besucher zählten. Der Rekord mit 28.000 wurde am 2. Juni verbucht, als die Dresdner hier bereits „vorfristig“ Meister wurden. 18 Tage später sorgten die Dynamos an gleicher Stelle durch den hart erkämpften 2:1-Pokalfinalsieg für die Verdopplung ihres Triumphes.

Kein Wunder also, daß die Wogen der Begeisterung in Dresden und Umgebung besonders hoch schlugen. Frau Eva, jungvermählte Ehefrau von „Dixi“ Dörner, kann ein Lied davon singen: „So sehr auch ich mich über das ‚Doppel‘ freue, so anstrengend ist es doch zuweilen, mit einem Dynamo-Fußballer verheiratet zu sein. Vier Jerseys wurden meinem ‚Dixi‘ trotz heftiger Gegenwehr schon von Anhängern ausgezogen. Und was ich mir nach seien beiden Eigentoren im Betrieb anhören mußte, ging nicht mehr auf die sprichwörtliche Kuhhaut.“

Welchen Einfluß hat der stimmgewaltige Dynamo-Anhang auf seine Mannschaft? Welche Beziehungen verbinden den Meister und sein Publikum? Wo liegen Übereinstimmungen und Meinungsverschiedenheiten?

Dynamo-Trainer Walter Fritzsch. „Ich schätze die Art von Zuschauern, die uns auch auch bei einem Torrückstand oder nach mißlungenen Aktionen anfeuern. Darüber können wir uns heute im Gegensatz zu früher, als noch viele Zuschauer bei derartigen Situationen in das Lager unserer Kontrahenten umschwenkten, kaum beklagen. Weniger hingegen gefällt mir, wie unkritisch und unsachlich manche Anhänger einzelne meiner Spieler loben. Denn trotz der jüngsten Erfolge wird erst der Europacupwettbewerb zeigen, was wir wirklich können!“

Die guten alten Fanfarenträger.

Die guten alten Fanfarenträger.

Und was meint der Aktive? Klaus Sammer, einer der fünf Nationalspieler Dynamos: „Man versteht auf dem Rasen unten nur selten Einzelheiten der Sprechchöre. Wenn aber z. B. bei einem mißglückten Schußversuch – von wem auch immer – hämische Ha-ha-ha-Rufe ertönen, zeugt das von wenig Sportgeist.  Wohl keine Mannschaft kann stets und ständig Meisterliches bieten, aber mit sachkundiger Unterstützung des Publikums vermag sie sich mächtig zu steigern.“

Welchen Einfluß Spieler wie Klaus Sammer auf das heimische Publikum haben, bewies eine Begebenheit im Messecupspiel gegen die englischen Profis von Leeds United. Als sich einige jugendliche Zuschauer daneben benahmen lief der lange Blondschopf ostentativ auf sie zu und warnte: „Wollt ihr etwa, daß wir eine Platzsperre bekommen?“ Im Nu herrschte Ordnung.

Dank solcher Verhaltensweisen und einer Vielzahl öffentlicher Aussprachen der SG Dynamo mit ihrem Anhang in Foren und in der Tagespresse gerät in Dresden die Minderheit von „Eierkopp“-Schreiern und notorischen Krakeelern immer mehr ins Abseits des meisterwürdigen Riesenanhangs.

So sieht es auch Manfred Scheler, der fußballbegeisterte Vorsitzendes des Rates des Bezirks Dresden. Unmittelbar nach dem Pokalsieg in Halle sagte er dazu: „Das Dresdner Fußballpublikum ist ebenso begeistert wie diszipliniert. Deshalb distanziert es sich entschieden von einigen Sprechchören, wie sie hier in Halle zu hören waren. Unser Meister und Pokalsieger darf nicht von wenigen unbesonnenen Krawallmachern in Mißkredit gebracht werden.“

Dynamofans und ihre Meinungen

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