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Wenige aber treu! Die Fanszene von Sonnenhof Großaspach

Das Spiel gegen Großaspach war nicht nur wegen der langsam zur Gewohnheit werdenden drei Punkte herausragend. Vor allem die Gastfreundschaft der Schwaben war sensationell. Ich habe mit Tilo Tietz gesprochen. Er hat das Empfangskonzept der Gastgeber maßgeblich erarbeitet. Tilo ist Mitbegründer des ersten Großaspacher Fanklubs und Fanbeauftragter. Er erzählt wie er gegen die schwarz gelben Gäste ansang und wie es ist, Anhänger eines Dorfvereins zu sein – inklusive Bier, Bratwurst, Capo, Pyro, Mitbestimmung.

Wie fandest Du das Spiel?

Gänsehaut. Die brachiale schwarz-gelbe Wand war so wie wir es erwartet hatten. Den 4000 Mann hatten wir 50 von der aktiven Fanszene natürlich wenig entgegen zu setzen. Aber wir haben uns gesagt, wenn wir singen, hören wir zumindest die Dynamos nicht so laut. Und bis zum 16er wird unser Support schon gereicht haben. Es war ein Wahnsinnserlebnis.

Gab es im Vorfeld Angst vor den „Dynamohorden“?

Nein, überhaupt nicht. Warum auch? Ich kenne Dynamo und wusste auch, dass eure Fans bei weitem nicht so schlimm sind, wie ihr Ruf. Wir hatten mehrere Gespräche mit unserem Verein und wollten die Sache vollkommen vorurteilslos angehen, unter anderem auch dass wir die Dynamofans willkommen heißen und auch die Hymne spielen. Das ist voll aufgegangen. Als ich hörte, dass der Sonderzug bei seiner Ankunft in Backnang tatsächlich vom dortigen Bürgermeister begrüßt wurde, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Hat eigentlich nur noch eine süddeutsche Blaskapelle auf dem Bahnsteig gefehlt. Der Bürgermeister ist dann wohl sogar im ersten Shuttlebus mit den Dynamofans ins Stadion gefahren. Vielen Dank auch an dieser Stelle an die Fanbetreuung der SGD, die auch den letzten Zweiflern, ob das Konzept aufgeht, die Angst genommen und uns sehr geholfen hat.

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Aus Protest gegen den Ausschank von alkoholfreiem Bier wurde beim Spiel in Haching in den ersten Minuten keine Stimmung gemacht. Später gings dann munter los.

Wie wird man eigentlich Fan von einem Dorfverein?

Für den Dorffußball haben wir uns ganz bewusst entschieden, weil wir uns diese ganze Scheiße in der 1. und 2. Bundesliga nicht mehr antuen konnten. Alles dreht sich ums Geld, ein einziges Riesentheater. Es geht nicht mehr um den Fußball, er wird nur noch als Werbefläche gebraucht. Und es wird immer schlimmer. Es ist unsere Flucht zurück zum normalen Spiel. Wir brauchen nur Bier, Bratwurst und Fußball. Genau das haben wir in Großaspach. Ich kann hier sogar noch mit Spielern mal ein Hefeweizen heben gehen.  Es ist toll, eine Fanszene aufzubauen, mitzubestimmen und und zuzusehen wie sie wächst, sich da voll reinzuhängen. 2008 haben wir dann den Fanclub gegründet: Das Projekt Waldameise. Damals waren wir zu fünft inzwischen haben wir 40 Mitglieder.

Projekt Waldameise ist keiner der oft martialischen Fanklubnamen. 

Wir hatten ewig keinen Namen gefunden, dann haben wir nach ein Paar Bierchen gesagt: Jetzt schlagen wir `ne Zeitung auf und tippen irgendwo drauf und das wirds dann. So sind wir bei einem Naturschutzprojekt aus der Region gelandet. Hätte schlimmer kommen können, denn neben dem Artikel war eine Werbung für ein bekanntes Abführmittel.

Versteht ihr euch als Ultras?

Nein. Wir sind eher die Oldschool-Fans. Zwar gab und gibt es Bestrebungen eine Ultraszene in Großaspach aufzubauen, das dauert aber. Jeder muss es für sich entscheiden, welchen Weg er einschlagen möchte mit seinem Fandasein. Und der alten Garde reicht es, nicht so straff organisiert zu sein, einfach nur Bier, Singen, bisschen Pöbeln und Fußball.Wir sind ein eingeschworener Haufen, und es ist Rakete dabei sein zu dürfen

Wir sehen uns inzwischen als Bindeglied zwischen aktiver Fanszene und dem Verein. Das funktioniert auch super. Als wir in einen anderen Block umziehen wollten, mussten auch Sitz- und Stehplätze getauscht werden. Der Umbau war mit einigem Aufwand verbunden. Das hat der Verein ohne Probleme gemacht. Im Gegenzug haben wir versprochen, bei Heimspielen nicht mehr zu zündeln. Seitdem gibts Pyro eben nur noch Auswärts.

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Posen wie die Großen. Der harte Kern auf dem Weg zum Auswärts bei Hoffenheim II

Aber ihr habt trotzdem einen Capo.

Ja klar, bis vor anderthalb Jahren war ich das, aber mit 36 muss ich mir das nicht mehr antun. Und unser jetziger Vorsänger macht das richtig super. Nach den Spielen hat er immer ne richtig rote Birne, also hat er sein Job gut gemacht. Außerdem benutzen wir selten ’nen Megaphon. Es geht halt auch ohne, bei unserer Anzahl an Supportern. Ich stelle mich jetzt zu den alten Haudegen von den „Fautenhauern“ und trinke das ein oder andere Bier oder ich gehe runter zu den „Aspacher Jungs“ und supporte mit.

Auf eurer Seite steht, dass euer Auswärtsmob aus null bis zehn Mann besteht. Wie zündelt man da unerkannt?

Naja, zu großen Spielen können wir schon mal 60 Mann rekrutieren, das reicht aber auch nicht, um  in der Masse unterzutauchen. Man darf die Dinger halt nicht in der Hand halten. Rauchpulver in den Kaffeebecher, auf den Boden stellen und dann einfach ne Kippe rein fallen lassen. In den unteren Ligen wurde ja auch nicht so genau hingeschaut. Da reichte es oft, einfach zu sagen „Ich war es nicht.“ Das waren noch Zeiten, aber im Moment gibt es solche Aktionen nicht, weil wir uns auch nicht durch Stadionverbote selbst schwächen wollen und die Überwachung immer schlimmer wurde.

Gibt es Fanrivalitäten mit anderen Vereinen?

Die Stuttgarter Kickers gehen gar nicht … da kann es auch schon mal Backpfeifen geben.

Soll das heißen, ihr habt ein Gewaltproblem?

Kein Problem. Es ist bei uns eine ganz normale Fanszene, nur eben einige Nummern kleiner bei den großen Vereinen. Mit dem Aufstieg in die 3. Liga wurden wir jetzt auch kategorisiert. 13 von uns wurden als Kategorie B und fünf unter Kategorie C eingestuft. Aber das ist natürlich Quatsch. Wir haben vielleicht drei Mal C und fünf Mal B. Alle anderen haben nur ein Problem mit dem Alkohol (lacht).

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Zu Leipzig gibt es auch in Großaspach eine klare Meinung.

Sonnenhof Großaspach gibt es als Verein erst seit zwanzig Jahren und er ist relativ schnell von der zehnten in die dritte Liga aufgestiegen. Immermal wieder werdet ihr deshalb mit Retortenvereinen wie Hoffenheim oder Leipzig verglichen. Was sagst du dazu?

Das ist absoluter Blödsinn. Wir sind aus einer Thekenmannschaft hervor gegangen. Klar würden wir ohne die Unterstützung von Uli Ferber nicht dort stehen, wo wir heute sind aber dabei wird nicht mit Geld um sich geworfen. Wir haben mit 2,3 Mio. den kleinsten Etat der 3. Liga. Jeder unserer Spieler ist verpflichtet nebenbei eine Ausbildung zu machen und zu arbeiten. Der Verein bleibt dieser Philospohie treu. Spieler, die das nicht wollen, müssen gehen. Hier kann man mit Managern, Spielern, Trainern und Betreuern mal einen trinken. Wir können mitentscheiden. Der Verein könnte auch ohne die Unterstützung von Uli Ferber weiterleben, weil eben nur das ausgegeben wird, was rein kommt und nicht um jeden Preis der Erfolg erzwungen wird. Vielleicht würde es ohne Uli keine 3.Liga mehr sein aber Regio geht auch ohne die Sponsorengelder der Ferber Firmen. Die sind ja nicht mal unser Hauptsponsor.

Was macht den Verein sonst noch aus?

Es ist alles familiär und überschaubar. Es läuft manches nicht so wie es soll und muss improvisiert werden. Vieles geht bei uns noch über das Ehrenamt. Und klar haben wir auch skurrile Besonderheiten. In unserem alten Stadion stand eine Flutlichtanlage die vom FKK-Strand in der Nähe von Pforzheim abgebaut wurde. Auch mit dem neuen Stadion sind wir in den ersten drei Ligen der einzige Verein ohne Anzeigetafel. Wir haben sicher auch eines der ganz wenigen Stadien auf der Welt, in dem der Gästeblock mehr als doppelt so groß ist, als unser Heimstehblock.

Jeder Fan hat Spiele, die unvergesslich sind, Legenden des Vereins. Welche sind eure?

Der Hammer war in der vergangenen Saison gegen Neckarelz. Wir liegen 0:1 hinten, sind einer weniger. Unser Tormann hält einen Elfmeter, wir schießen den Ausgleich, dann fliegt noch einer von uns vom Platz und trotzdem machen wir in der letzten Minute das Siegtor. Natürlich ist auch auch der Drittliga-Aufstieg in der Relegation in Wolfsburg unvergessen.

Spiele im altehrwürdigen Grünwalder Stadion waren immer super. WfV-Pokalspiele auf teilweise richtig runtergekommenen Bezirkssportanlagen, wo wir unsere Bierkästen noch selber mitgeschleppt haben, sind auch nicht zu verachten.

Gut erinnere ich mich auch an den 2:0 Auswärtssieg in Homburg. Da sind wir vor schon vor dem Spiel durch die Stadt gezogen und haben Stimmung gemacht. Whiskeypullen in den Gästeblock geschmuggelt und ab ging die Feier. Nach dem Spiel hat es so gerappelt, dass uns die Polizei bis nach Großaspach eskortiert hat. Ein bis dato unvorstellbares Vorkommnis für unsere Vereinsführung.
Legende des Vereins ist in unseren Augen ganz klar Martin Cimander. Der Junge ist seit 14 Jahren dabei und hat 4 Aufstiege mitgemacht, quasi unser Andreas Lambertz oder Torsten Mattuschka.

Sehen wir uns zum Rückspiel in Dresden?

Auf jeden Fall, das lassen wir uns nicht entgehen. Ich freu mich drauf. Mal sehen wieviele von uns sich auf den Weg nach Elbflorenz machen, sicher mehr als null bis zehn.

Fotos: Tilo Tietz

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  1. tobiirma
    September 17, 2014 um 2:37 pm

    Wir freuen uns auf Euch zum Rückspiel in Dresden. Ihr seid genauso herzlich willkommen.
    Grüße aus Dresden

  1. November 22, 2014 um 6:52 pm

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