Startseite > Spuckelch des Jahres > In einer Stadt vor unserer Zeit

In einer Stadt vor unserer Zeit

Eine Textstellle gegen das Vergessen in den maroden Ostlergehirnen:

„Görlitz …. Jahrzehntelang verrottete diese östlichste deutsche Stadt ungestört vor sich hin. Wer Anfang der Neunziger hier mit dem Zug anlangte, am besten an einem Winter-Spätnachmittag, der erlebte eine Atmosphäre, die man nur als verwunschen bezeichnen kann: Alles stand noch, unbehelligt, aber das Leben schien merkwürdig zurückgewichen aus den Straßen und Plätzen. Die Straßenbeleuchtung fehlte weithin, auf den Bürgersteigen boten einzelne Stände Waren beim Licht kleiner Feuer feil. (…) Die Leute schienen in dieser Stadt weniger zu wohnen als zu kampieren, wie Barbaren in einer eroberten Siedlung. Nur das Kaufhaus, das heute, im Jahr 2013, leer steht und um Verwendung bettelt, erstrahlte in überirdisch warmem Weihnachtsglanz.“

Eindrucksvoll beweist Burkhard Müller mit seinem Artikel „Die perfekte Kulisse“ auf zeit.de, dass Klischee-Journalismus längst nicht mehr auf Fußballfans reduziert ist. Der Osten im Allgemeinen geht auch. Deshalb wird auch er für den Spuckelch der Saison 2013/14  nominiert.

Es gelingt Müller souverän, eine Randerscheinung im globalisierten Filmgeschäft – immerhin wurden in den vergangenen neun Jahren unfassbare sieben Filme in der ostdeutschen Provinz gedreht – zu überhöhen. Man muss und soll den  Eindruck bekommen, auf den Partys in Hollywood gäbe es nur ein Gesprächsthema: Den herrlich musealen, entvölkerten und filmförderungsgeschwängerten deutschen Osten.

Doch diese Art der Berichterstattung ist gängige Praxis und würde eine Nominierung nicht rechtfertigen. Mit professionellem Worthülseneinsatz weiß der Autor eine für die jeweiligen Drehorte positive Entwicklung mit bildungsbürgerlichen Vorwissens über den Osten zu verbinden: Armut, Leerstand, Hoffnungslosigkeit, tourismusfördernde Strohhalme. Oder so ausgedrückt, dass es auch der DDR-Sozialisierte versteht: Alles Tod nach dor Wende. Und vorher erst recht. Das will blos keiner mehr wissen.

Mit viel Sensibilität für  die Verdrängungsmechanismen in den Gehirnen der ostdeutschen Mitbürger steigt er herab und beugt dem Vergessen vor. Er erinnert uns daran, wie schrecklich es hier zuging. 

Nun muss ich nach dem Lesen der obigen Passage zugeben, dass auch ich dem Geschichtsrevisionismus verfallen bin. Diese Zustände in Görlitz habe ich vergessen oder verdrängt. Denn ich verbrachte meine naturgemäß unglückliche Kindheit in diesem Kaff. Vielleicht konnte ich auch nichts sehen, weil mir beim Müllsammeln immer die viel zu große Rattenfellmütze über die Augen gerutscht war. Nur sie hielt mich warm, in kalten Nächten konnte ich hinein kriechen. Langsam kommen all die schrecklichen Erinnerungen wieder hoch. Am Schlimmsten war die zwischenmenschliche Kälte. Die Eltern sah ich nur selten, sie rissen im Tagebau Braunkohle aus dem gefrorenen Boden. Dabei war ich einer der glücklichen, der überhaupt wusste, wer seine Eltern sind. Um mich herum buddelten die Schacherer ihre Wurzeln aus, die sie dann zu horrenden Preisen in ihren klapprigen Straßenständen feilboten. Ziegenköttel und ein Stück Baumrinde waren lange mein einziges Spielzeug, bis auch sie in einem der kleinen Feuer endeten. Es zählte nur das Ich, das eigene Überleben. Nur wenn ab und an ein wohlmeinender Auswärtiger sich vom Bahnhof näherte, wehte ein Hauch menschlicher Wärme in mein Camp.

Ich bin mir sicher, dass es in den vielen im Krieg unzerstörten DDR-Städten nicht anders aussah. Die Bewohner haben es nur vergessen und jammern jetzt über die gut gemeinte Hilfe der Wissenden.

Abgerundet wird der Gesamteindruck, durch Müllers Brillanz, Fakten möglichst ohne Rechercheaufwand übers Knie zu brechen, um die Realität dem Text anzupassen. Exemplarisch dafür steht die Feststellung:  „Im Zweiten Weltkrieg wurde er (Anm.: der Ort Görlitz) , wie so viele andere Städte auf dem Gebiet der nachmaligen DDR, von den alliierten Luftangriffen weitgehend verschont.“ War es also sogar schon den Amis und Thommys zu blöd, in den Osten zu kommen?! An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die wenigen DDR-Städte, die nicht verschont blieben (in alphabetischer Reihenfolge): Anklam, Bautzen, Berlin, Brandenburg, Chemnitz, Cottbus, Dessau, Dresden, Eberswalde, Erfurt, Frankfurt (Oder), Halberstadt, Halle/Saale,  Jena, Leipzig, Magdeburg, Meiningen, Nordhausen, Plauen, Potsdam, Rostock, Stralsund, Wismar, Zerbst, Zwickau.

Fazit: In seiner Dreistigkeit, die Realität dem Text sowohl inhaltlich als auch stilistisch anzupassen, ist dieser Artikel beispielhaft. Er zählt zu den Topfavoriten auf den Spuckelch.

Bahnhof Görlitz

Der Bahnhof Görlitz, Foto: Manecke

Advertisements
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: