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Touret-Ballett

Ich hab die Schnauze voll.  Ich kann es nicht mehr hören, lesen, ertragen.  Kaum wird beim Dynamo-Trauerspiel randaliert und gepyrotechnikt, zeigen alle normalen Menschen, dass sie die Guten sind. Jetzt – nach Kaiserslautern – wieder. Aber Warum? Pflichtbewusst findet man schlechtes Benehmen total Scheiße und rechtfertigt sich für das Verhalten Fremder.

Es wird mit roten Karten rumgewedelt. Bei Facebook gründet sich sogar eine Feuer-und-Flamme-für-Dynamo-Gruppe, in der man sich zum  gemeinsamen Liebsein versammelt und wahrscheinlich soll auch dem Bösen die Stirn oder was auch immer geboten werden. Alles gut gemeint! Aber warum? Um den Verein zur retten? Den Verein, der seit 23 Jahren mehr oder weniger im Wachkoma verharrt und sich das Wort Existenzbedrohung langsam mal als Marke schützen sollte. Oder hoffen sie gar jene Tiefflieger zu erreichen, die ihr fehlendes Selbstwertgefühl mit dem Ehre-Stärke-Dynamo-Quatsch zu kompensieren versuchen. Bei jenen bleibt die gesendete Information doch auf der Suche nach einen Ort, wo sie geistig verarbeitet werden könnte, im kongnitiven Treibsand stecken.

Ich habe keine  Lust mehr, mich für Dinge,  die nichts mit mir zu tun haben, zu rechtfertigen. Ich habe doch auch kein schlechtes Gewissen, wenn sich Kaputte irgendwo in meinem Wohnviertel, Dresden, Sachsen, Deutschland daneben benehmen. Maximal denke ich  das, was es ist: idiotisch. Aber ich rechtfertige nicht mein Wohnviertel, Dresden,  Sachsen, Deutschland permanent für jeden geplatzten Sack Reis. Auch nicht, wenn das Säckeplatzen mal eine Ordnungswidrigkeit werden sollte.

Warum sollte ich es tun, wenn die gleichen Typen beim Fußball ihrer Idiotie freien Lauf lassen?  Nur weil sie zufällig eine Vorliebe mit mir teilen – die gleichen Farben tragen wie ich? Ich will verdammt nochmal keine Kurve reinigen! Ich will auch keine Zeichen für Selbstverständlichkeiten setzten!

Ich habe auch keine Lust mehr, mich darüber aufzuregen, dass alle, die wissen was sie sozialpädagogisch tun, unterfinanziert und mit guten Worten allein gelassen werden.

Es wird eher für den Nahostkonfllkt eine Lösung geben, als für Fanentgleisungen beim Fußball. Denn es sind Menschen und die gehören dazu. Mag eklig sein aber kein Grund, sich für den Verein zu schämen.

 Es ist mir sowas von egal, was im Norden, Süden, Westen, Osten über meinen Lieblingsverein gedacht wird. Ich muss ihn mögen und nicht der Rest der Republik!  Und da ist es mir auch egal, in welcher Liga ich ihn mag, je tiefer, desto weniger Menschen versperren mir die Sicht auf Feld, umso schneller bekomme ich mein Bier.

Schmutz, Gefahr, Ärger, Gewalt gehören zum Leben. Auch wenn es in unserer auf Hochglanz  polierten Eventwelt scheinbar möglich ist, in Watte gepackt unbehelligt von Sonnenseite zu Sonnenseite zu schweben. Abenteuer wird als  homäopathische Dosis gebucht, reiseleitergeführt.

Seit Jahren zieht sich jetzt diese sinnlose Fußball-Gewalt-Diskussion durch die deutsche Öffentlichkeit. Das ermüdet. Wie jährliche Familientreffen, bei denen immer wieder über die alten Nebensächlichkeiten gestritten wird, um sich nicht mit dem Versagen der Gegenwart auseinandersetzen zu müssen.

So viele Geschwätz! Jeder Hansel weiß über hochkomplexe soziologische Phänomene genau Bescheid. Grunddämliche Meinungen geben sich die Klinke in die Hand. Die einen fordern oder tolerieren zur Befreiung des Fußballs einen Polizeistaat und die anderen rechtfertigen eine Gewaltorgie mit der infantilen Argumentation, die Gegner hätten schlimme Dinge gesagt oder gezeigt.  Dazwischen drehen sich die Denker seit Jahren im Kreis.

Auch wenn der Fußballverband der Meinung ist, dass das Abbrennen von Bengalos dem Verein schaden sollte,  ist es mir egal, wenn die Dinger leuchten. Viel schlimmer ist, dass sekündlich Dinge auf der Welt geschehen, die einem nicht egal sein sollten, es aber sind.

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  1. Frahnk Wertheim
    Februar 11, 2013 um 5:30 pm

    Ich lese deinen blog immer gerne, wir stimmen nicht immer überein, aber der Trend stimmt. Und nun das heute. Es ist ja alles richtig, die Welt hat andere Probleme. Aber sind wir nicht alle auch ein wenig egoistisch oder vergessen die große Welt, wenn es um uns geht, um unserer Interessen.Ja es geht um meinen Verein und mir ist es auch Rille was andere davon halten und was die Presse schmiert und die Gutmenschen für Ratschläge haben. Dynamo ist für mich eine Herzensangelegenheit so lange ich denken kann und ja, eine der wichtigsten Sachen der Welt. So. Was mir aber nicht egal ist, wenn die Farben meines Vereins derartig in den Dreck gezogen werden. Und zwar nicht verbal sondern vor meinen Augen. Klar haben wir bisher immer nur weggeschaut, meistens solidarisiert, wenn die Förster „grundlos“ dazwischen gehauen haben. Die Erlebnisorientierten gibt es nunmal und da muss Manöver Schneeflocke eben beim Fußball gespielt werden. Da gab es die Erlebnisse in Verl, Wattenscheid, Essen, Potsdam, Duisburg und anderswo mit sinnlosesten Zerstörungen. Man hat es geschluckt. Die wollen ja nur spielen. Dann das Relispiel in OS, wir mussten notgedrungen im Heimbereich stehen, weil Karten an Typen gegangen waren, naja – da waren Fans, die haben vom Spiel nix gesehen, nicht die Haubitzenfraktion, nee, die natürlich auch nicht, ich meine,die die ganze Zeite harmlose Durschnitts Osnasen belegt haben und dabei wie Tarzan am Gitter rüttelten. Und irgendwie trübte es ein wenig die Freude. Dann stehst’e in Dortmund im Gästeblock, Gänsehaut , ringsum Dynamo, die Stimmung prächtig, und dann. Wir wissen alle, was dann abging, ich war vermutlich, der einzige, dem es nicht gefiel, aber für mich war ab der Abend gelaufen, auf den ich mich schon wochenlang gefreut hatte. Und ich hatte Wut. Und bin machtlos. Diene als Teil der Masse dem Schutz der Pyronatiker. Szenen nach dem Spiel zum Abwinken. Reaktionen: Verharmlosen ,schönreden,relativieren – die anderen haben doch aber auch…. Polizei hat Schuld usw. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber da war in der Tat nicht alles sauber. Sicher, aber mich hat es angestunken. Lange Rede kurzer Sinn: ich verstehe die Leute, die jetzt in panikartigen Aktionismus verfallen und irgendwas stemmen wollen. Sie haben kein Sprachrohr, werden von niemande ernst genommen, als Erfolgsfans beschimpft. UD keine Reaktion, die Fangemeinschaft ist mit Personalfragen beschäftigt (deren heutige Mitteilung ein Hohn für alle Besorgten – Hauptsache der Privatkrieg gegen M + H läuft – der letzte Satz ist wirklich Klasse) und der Verein: naja, was soll da schon kommen. Die Schmierfinken- kein Kommentar. Also bitte nicht so herablassend blicken auf diejenigen, die jetzt das Gefühl haben etwas tun zu müssen. Sie werden scheitern. Aber sie haben es versucht. Und davor habe ich Respekt.

    • spuckelch
      Februar 11, 2013 um 7:22 pm

      Wir stimmen mehr überein als du denkst, nutzen aber andere Worte. Danke!

  2. Rob
    Februar 12, 2013 um 2:18 pm

    Ich stimme Frahnk Wertheim zu. Nach unzähligen Jahren des Tolerierens habe auch ich inzwischen die Schnauze voll. Ich habe einfach keine Lust mehr darauf, dass ich mich wegen den Assis jedesmal als Dynamo-Fan in Sippenhaft nehmen lassen muss. Seit Jahren nährt einen die Hoffnung, dass alles besser wird – bis wieder die Krawall-Eventies zuschlagen. Ich bin es so satt, deren Minderwertigkeitskomplexe auf meinem Rücken austragen zu lassen.
    Deshalb begrüße ich die geplante Aktion am kommenden Sonntag. Auch wenn das manche als Aktionismus bezeichnen – sie ist schlicht Ausdruck der Ohnmacht der unorganisierten Fans, die sich jetzt endlich mit einer Stimme gegen eine meinungsdoktrinierende Minderheit wenden will. Selbst wenn die Aktion auf Dauer nicht viel bringt – es ist allerhöchste Zeit, dass die Fangemeinschaft Signale (ja, auch an den DFB) aussendet. Still sein, abwinken und sich darüber lächerlich machen, halte ich für noch viel verheerender. Ich für meinen Teil unterstütze inzwischen alle Aktionen, die die Existenz einer Gegenströmung zu Gewalt, Rassismus und anderen vereinsschädigenden Verhalten aufzeigen.
    Mir ist es scheißegal, welche Rolle dabei die Medien spielen. Mir geht es einzig und allein darum, dass ich als Dynamo-Mitglied nicht mehr bereit bin, Etatkürzungen aufgrund von Strafzahlungen sowie irgendwelche Geisterspiele zu akzeptieren. Diese betrachte ich inzwischen nämlich als persönlichen Angriff gegen mich selbst – und somit begrüße ich alles, was versucht, die Verursacher dessen vielleicht doch irgendwann mal zur Räson zu bringen.

  3. Februar 13, 2013 um 12:34 pm

    Danke für den Beitrag, der ein paar interessante Aspekte beleuchtet. Ich habe als „Noch-Exil-Dynamo“ fast 10 Jahre lang immer wieder Aktionen um Spiele unserer Mannschaft erklären oder mich bzw. die Gemeinde der Dynamo Fans gegen diverse Vorwürfe verteidigen müssen – das ermüdet, zumal die Fans von Offenbach, Frankfurt, Karlsruhe oder Saarbrücken in meinem Umfeld von solchen „Rechtfertigungsorgien“ erstaunlicherweise verschont blieben.

    Spätestens nach dem Dortmund-Spiel hat es aber keinen Sinn mehr, irgendetwas erklären zu wollen. Prinzipiell kann ich der Hysterie, die um einzelne Vorfälle gemacht wird nicht zustimmen, genauso wenig wie der Gleichsetzung von Pyrotechnik und Gewalt. Aber solange Pyrotechnik in Stadien verboten ist und einige Leute das nicht akzeptieren, kann ich dieses Verhalten nicht gutheissen.

    Die Reaktion auf Kaiserslautern erscheint mir wieder wie ein immer wieder gleich ablaufender Film von panischen Reaktionen. Rote-Karten-Aktionen (erinnert sich noch jemand an die Aktion „Aufpasser – Wir sind Dynamo“) oder Fanausschlüsse werden das Problem nicht lösen und die viel beschworene Selbstreinigung ist wohl eher ein Wunschdenken. Aber dem Verein, dem ich auch angehöre, fällt nichts besseres ein als ein simples „Weiter so“, sprich Kollektivstrafen und Aussitzen von Problemen. Von den zuständigen Instanzen außerhalb des Fußballs mal ganz zu schweigen.

    Also lehnen wir uns zurück und warten bis zum nächsten Nachrichtenbeitrag über kollektive Ausschreitungen „Dresdner Fans“.

  4. Axel
    Februar 15, 2013 um 12:24 pm

    Danke Dir oh spuckender Elchgeselle, endlich eines der raren literarischen Ergüsse welche sich im aktuellen Berichterstattungseinheitsbrei über die schwarz-gelb brandschatzenden Horden aus dem Osten wohltuend abhebt. Um Deinen Inhalt zu verstehen und nachvollziehen zu können bedarf es jedoch den Geist eines lebendigen, praktizierenden Soziologen oder eines glühenden Fußballfans. Vor allem eines solchen der den letzten Freitag vor dem Hintergrund der wiedermal aufgehenden Polizeitaktik der Nichtpräsenz am Brennpunkt und das auch im Verhältnis zu aufgeschlitzten Polizeipferden 2002, 46 verletzten und 400 Festnahmen beim vorletzten Brauchtumsderby im Pott, demoliertem Eisenbahnwaggon in Dortmund oder was auch immer in den letzten Wochen, Monaten oder Jahren gesehen.
    Gerade die roten Teufel sollten noch wissen, wie es sich anfühlt, Shuttlebusse zu zerlegen und mit Nothämmern auf einen Notarzt, der einen verletzten Bullen behandelt, zu schießen oder waggons kleinzuhacken.

    Nein, ich will garnichts entschuldigen, die Busangreifer sind Abschaum, Randaletouristen, die an jedem x beliebigen Ort in Deutschland auftauchen können, wo es Massenaufläufe und Konfliktpotential zu erwarten gibt. Diesmal trugen sie wiedermal unsere Farben.

    In tiefster Demut wirft sich unser Wessigeschäftsführer in den Dreck vor der DFB Zentrale, in den gleichen Dreck, den er noch vor Jahren selber als Geschäftsführer der DFL mit ansammeln half. Sein Hyperaktionismus gipfelt sogar dahin, daß eine Auswärtsfancharta aufgestellt werden soll, wo doch trotz reibungslosem Heimspielbetrieb im sicherheitstechnischen Sinn, die fast 5 jahre alte Fanchart noch nichtmal geläufig ist. Der überfällige 2. Fanbeauftragte, der dem überlasteten 1. beiseite springen sollte wird nun als Aufstockung der Fanarbeit verkauft. Fanarbeit, die bisher ehrenamtlich von der Fangemeischaft im Sinn von Block-,Familien- und Behindertenbetreuung geleistet wird. Und vom Fanprojekt, die durchaus Erfolge bei radikalen Abweichlern in der organisierten Szene vorweisen können.

    3 Topspiele ohne Auswärtskartenabruf – der Verkaufsschlager für Medien, Entzug der Verantwortung des vereins für seine Fans – im Normalfall ein cleveres Anliegen – aber SO verkauft man das doch bitteschön nicht an seinen größten Sponsor – seine Fans.
    Und statt Fanarbeit SOFORT anzugehen, verhandelt unsere DFL Rheinländer mit Floskeln wie „Arsch hoch und Zähne zeigen“ mit den Schachtern über eventuelle Ausgleichszahlungen. Fordert er auch welche von Sandhausen, Regensburg, Ahlen, den kleinen Frankfurtern und anderen Konstrukten, welche unseren Gästeblock nicht mit einem 2.500 er Mob füllen? Kein Dynamogeld für den Schacht – klare Ansage.
    Stattdessen kann er sich sicher sein, genauso wie der herzzerreissend barmende Menze, der im fehlenden Auswärtssupport schon für den Gang in Liga 3 vorbaut – und damit Gremien und seinen Chef brüskiert, daß dies Konsequenzen haben wird – früher oder später.

    Es wird wieder Zeit für einen personellen Wechsel. Die Namen Müller, Pacult, Menze (zusammen mit unseren bestsellern Börner und Klar) möchte ich am Saisonende nicht mehr auf der Gehalts und Honorarliste MEINES Vereins sehen – genausowenig wie die schwerkriminellen Hohlbirnen, die außerhalb des Stadions ihrem Vandalentum im Namen meines Vereins hemmungslos fröhnen.

    Ansonsten kann ich als ökologisch denkender Mensch und Baumliebhaber nur sagen – schützt den Wald, verhindert gedruckte rote Karten, denn im Zeitalter des Internets kann man die Betroffenheitsfanatiker und eigenesGewissensberuhiger in separate Chaträume sperren, damit sie alle Variationen des Fremdschämens virtuell auskosten können und keiner an dieser Konversation teilhaben muß.

    Auswärtsmottofahrten zu den 3 Spielen – individuell und selbstorganisiert, lautstark und friedlich, das sollte die Reaktion der echten Dynamofans sein – dafür gibts von mir ein grünes Ampelmännchen…

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