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Grüße von den Taliban

Für den geübten Dynamofan ist nichts Überraschendes geschehen. Vor einem Spiel, bei dem tausende Dresdner erwartet werden, wird die mediale Hysterie geschürt. Während des Spiels beweisen einige Freaks, dass eine gute Kinderstube in Dresden nach wie vor nicht selbstverständlich ist. Nach dem Spiel schlägt die unreflektierte Welle der Entrüstung über uns zusammen

Dennoch schockiert die brachiale Gewalt der Berichterstattung. Schlimmer geht immer. Für jeden, der nicht in Hannover war, muss beim Lesen der Schlagzeilen der Eindruck entstehen, dass es nur durch eine göttliche Fügung Überlebende gab. Auch ich habe mich am Morgen danach gefragt, ob ich tatsächlich bei dem Spiel war, über welches da geschrieben wird.

Am Vorabend lief ich beim Fanmarsch mit. Wie Silvester, gut gelaunte, angeheiterte Menschen – darf man Fußballfans so nennen? – leuchten, knallen und qualmen sich Richtung Stadion. Bis zu diesem Zeitpunkt eine erfreulich unsichtbare und doch präsente Polizei. Wie man es von Hannover im positiven Sinne gehört hatte. Am Stadion gehe ich zum Eingang Süd, vor dem schon eine große Menschen?menge wartet. Auf den ersten Blick nichts ungewöhnliches. Doch beim zweiten Hinsehen wird deutlich, dass nur ein Tor geöffnet ist. Nach 20 Minuten gehen weitere zwei Tore auf. Jedes so breit wie eine Zimmertür. Dabei bleibt es. Drei von 15 Toren sind offen. Aus allen Richtungen werde ich geschoben, der Druck wächst, selbst das Arme heben wird unmöglich. Auf vielleicht 50 Meter Breite warten hunderte Fans. Alle müssen sich irgendwie zu jenen drei Toren schieben. Zwei Stunden in Platzangst senken meine gute Laune, der Frust steigt. Auf der anderen Seite des Zaunes feixen und filmen Polizisten. Meine kriminelle Karriere beschränkt sich bis heute auf Falschparken, zu schnell Fahren und verspätete Abgabe der Steuererklärung. Meine letzte handfeste Auseinandersetzung zettelte ich vor 28 Jahren mit Thomas Schöler aus der vorletzen Bankreihe an. Und doch machten sich vor dem Stadion hässliche Gewaltphantasien in mir breit. Und hätte ich die Möglichkeit gehabt, wäre ich auch über den Zaun geklettert, und hätte damit dem Verein geschadet.

Die in der Gewaltdebatte überstrapazierte Angst, sein Kind mit ins Stadion zu nehmen, hatte ich in Hannover zum ersten Mal tatsächlich. Das sahen auch die Ordnungskräfte so. Mein Nachbar erklärte den Polizisten hinter dem Zaun, dass sein (in etwas 10-jähriger) Sohn in dieser Menschenmenge ernsthafte Probleme hätte. Die Antwort lautete: „Dann dürfen sie eben keine Kinder mit zum Fußball bringen.“

Als ich extrem gestresst dafür aber nahezu unkontrolliert (ein chinesisches Höhenfeuerwerk ins Stadion zu schleusen wäre keine Herausforderung gewesen), kurz nach 20 Uhr, nach über zwei Stunden, drin war, von Deeskalation oder Verständnis keine Spur. Sofort wird man von den Polizisten angepöbelt und die Treppe hoch gestoßen. Ein Mann will sich um seinen gestürzten Kumpel kümmern und wird umgehauen. Der Kopf landet auf der Betontrepppe…

Warum haben mit Dortmund und Hannover ausgerechnet jene Vereine derartige Probleme mit dem Einlass, die bei der Sicherheitsdebatte und dem „sicheren Stadionerlebnis“ dem DFB auf dem Schoß sitzen? Dortmund war von 4000 ankommenden Dynamofans überfordert, in Hannover reichten sogar 1400.

Bei der Hertha waren vor einigen Wochen 12 000+ Dresdner. Es gab zwar keinen Fanmarsch aber die S- und U-Bahnen spuckten am Stadion auch hunderte Fans im Minutentakt aus. Dennoch ging ich anderthalb Stunden vor Anpfiff vollkommen staufrei durchs Drehkreuz und wurde dann gründlich durchsucht.

Dank der einseitigen Berichterstattung können Fußballfans bedenkenlos drangsaliert werden, da sich jede Reaktion ohne lästige Fragen als Randale von Ultras verkaufen lässt. Und so kann auch das offensichtliche Versagen des Einlasskonzeptes in Hannover wunderbar unter dem Deckmantel der Ausschreitungen verschwinden. Obwohl sich jede Menge Fragen stellen. Deren Beantwortung würde keinesfalls die Sinnlosigkeit des Durchbrechens der Einlässe oder des auf den Platz Laufens in Frage stellen.

Warum blieb in Hannover auch der Eingang, der nicht vom Stadionsturm betroffen war, nahezu geschlossen? Warum wurde ein derartiges Nadelöhr geschaffen und aufrecht erhalten? Warum waren die Einlasskontrollen so lasch? Warum gab es so wenige Ordner? Warum war man von der Menschenmenge so überrascht, als der Fanmarsch ankam? Warum waren zu diesem Zeitpunkt die Tore geschlossen? Wie hätte man auf eine Panik reagiert, zumal die Einlasstore nach Außen aufgingen? Der Verein Hannover 96 hat darauf keine Antwort. Auf die schriftliche Anfrage kam die mündliche Antwort, dass dies Sache der Polizei sei. Das Einlasskonzept werde eng mit der Polizei abgestimmt. Schriftlich wollte das der Verein nicht wiederholen, da inzwischen der DFB das Ermittlungsverfahren eingeleitet hatte und  man sich wegen des schwebenden Verfahrens nicht mehr äußern könne, um den Ermittlungsergebnissen nicht vorzugreifen, erklärte der geduldige Pressesprecher Alex Jacob.

Die Polizei versprach eine schnelle Bearbeitung der Fragen – bis Mitte kommender Woche. Man wolle sich mit den Gegebenheiten vor Ort nochmal vertraut machen und am Wochenende seien die Einsatzkräfte aber mit dem Spiel gegen Augsburg beschäftigt.

Das mangelhafte Einlasskonzept wird aber bereits in der sehr sachlichen Pressemitteilung der Polizei durchaus erwähnt. Jener Pressemitteilung, deren unaufgeregter Inhalt nur schwer mit der Berichterstattung vereinbar ist.

Das ohnehin arg in Mitleidenschaft gezogene Zwei-Quellen-Prinzip gilt schon gar nicht bei so genannten Randalen. Der Ultra will ja nicht mit Journalisten reden…. Dass in sozialen Netzwerken genug Berichte über die Zustände vor dem  Stadion existieren, die zumindest zu der ein oder andere Frage einladen, wird ignoriert. Damit der Text wenigstens halbwegs mit den Schlagzeilen Schritt halten kann, werden traditionelle boulevardjournalistische Kunstgriffe genutzt: Einseitiges Gewichten, Fakten weglassen, aus Zusammenhängen reißen und der allseits beliebte historische Abriss. In Hannover gab es keine Zerstörungsorgien im oder rund ums Stadion. Ersatzweise wird über kaputte Flaschen auf den Straßen berichtet. In Hannover gab es keine Massenschlägereien, keine massiven Angriffe auf Ordner oder Polizisten, drei Fest- und 18 Ingewahrsamnahmen sind 0,5 Prozent der anwesenden Gästefans (hier wäre es Zeit für den Kommentar: Jeder ist einer zu viel).

Die Stadionstürmer ließen sich, schenkt man dem Polizeibericht Glauben, widerstandslos in den Block führen. Die Platzsbetreter kehrten, für jeden zu sehen, widerstandslos in den Block zurück. Um diese unschön unspektakulären Fakten zu kaschieren wird nicht nur auf die Ausschreitungen von Dortmund verwiesen, sondern in epischer Breite nochmal darüber geschrieben.

Da die Pyroshow im Dresdner Block sehr zu wünschen übrig ließ, vermitteln die Bilder  zu wenig die hässliche Fratze der Gewalt. Nicht weiter schlimm, es gibt ja noch die Fotos aus Dortmund, die sehen wenigstens nach was aus. Also raus aus dem Archiv und rein in den Artikel oder Filmbeitrag (ab Min. 1:00)

Kurzum; Ultras sind tatsächlich die Taliban unter den Fußballfans. Sandra Maischberger hatte mit ihrem Vergleich gar nicht Unrecht. Ungewollt, übte sie damit Medienkritik. Denn außer über den –  Ultra im medial unreflektierten Sinn – lässt sich nur noch über die Taliban derart hemmungslos, ungestört und ungestraft berichten. Jeder der die Berichterstattung kritisiert, macht sich der Relativierung und Schönrednerei schuldig und will sich der Verantwortung für die Selbstreinigung der Kurve entziehen. Die Argumentationskeule: Typisch Dynamo, Frankfurt, Köln etc., ihr sucht immer nur die Schuld bei den Anderen hat bisher noch jeden Perspektivwechsel im Keim erstickt.

PS: Mein aufrichtiges Bedauern gilt den Ultras von Hannover 96. Sie legten zum Spielbeginn eine wirklich sehenswerte Pyro-Show hin und niemand interessiert es. Der NDR behauptet sogar, dass Dynamo-Fans die Hannoveraner zum Zündeln angestiftet hätten („Von denen sich sogar Fans aus Hannover provozieren ließen.“) So wird man um die Früchte seiner Arbeit gebracht.

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  1. November 2, 2012 um 12:05 pm

    Der letzte Ansatz, einfach köstlich! Der Artikel Klasse, hab auch schon wieder ein bisschen was zu diesem Thema schreiben müssen, aber viel besser als das hier kann man das nicht machen, Danke!!!

  2. Tom
    November 2, 2012 um 12:36 pm

    Selten so einen tollen Beitrag gelesen, meine Hochachtung.

  3. November 2, 2012 um 1:20 pm

    Toll geschrieben.
    Die Medien brauchen Aufmerksamkeit und die holen sie sich um jeden Preis. Wenn ein Artikel nicht Schlagkräftig genug ist, dann wird man eben kreativ, das wird im Journalismus schließlich auch verlangt. Wer würde die Zeitung sonst kaufen!? Am Ende geht es um Aufmerksamkeit, Geld und die Leser. Und wie viele der Leser stecken so sehr in der Materie, dass diesen auffallen würde, das Bilder aus Dortmund statt Hannover abgebildet sind, wenn nur Fans, Rauch und grelles Licht zu erkennen ist? So etwas ist nicht schade, sondern ungeheurlich frech. Meiner Meinung nach könnte man bei solchen Falschaussagen und dem daraus resultierenden Imageschaden auch rechlichte Schritte einleiten.

  4. Falk Schade
    November 2, 2012 um 2:05 pm

    Aus dem Berliner Kurier, der „ehrlichsten Zeitung Berlins“. Auf dem Bild ist die Pyroshow der Hannoveraner zu sehen.

  5. Alex
    November 2, 2012 um 2:13 pm

    „Sie legten zum Spielbeginn eine wirklich sehenswerte Pyro-Show hin und niemand interessiert es.“ –> Dann könnten die Ultras (die das Wort „Fan“ nicht verdient haben) das Zündeln auch lassen. Bi einem Fußballballspiel geht es um das Spiel udn nicht um ein „zweites Silvester“, was man unterjährig mit ner großen Feuerwerksshow feiern kann.

    Der Autor dieses Artikels solte sich einmal klar werden, wozu ein Fußballspiel dient und nicht die Berichterstattungd er Medien verdammen, denn auch wenn die Blockstürmer friedlich zurückgegangen sind, warumw erden denn bitte Blöcke und Plätze gestürmt? Die Berufstätigen slten sich überlegen, ob sie zum Frustabbau nicht selbst Sport betreiben sollten, statt als „Ultra“ oder Pyro-Fan jedes vernünftige Fußballspiel mit ihrem Verhalten kaputt zu machen.

  6. Tobi701
    November 2, 2012 um 2:49 pm

    Beim lesen des Berichtes hab ich das Gefühl das er mich wohl diem ganze Zeit verfolgt haben muss….. Ehrlich! Genauso wars. Was noch zu erwähnen ist, ich habe keinen gesehen der auch nur eine Sekunde wärend des Spiels gesessen hat und da ich einen Platz fast am Rand hatte und neben mir 90% den Support mitgemacht haben würd ich gern ein Video davon sehen!

  7. Vasilie
    November 2, 2012 um 4:34 pm

    @Alex: Du hast die Ironie in diesem Teil des Artikels schon verstanden, oder? Es ging einfach darum das wieder einmal einseitig und populistisch Geschrieben wurde und das für das des Lesens faule Publikum in Bild, Mopo und wie sie alle heißen. Es geht darum das einzelne Vereine gern als die gestörten Stiefklinder des DFB hingestellt und bestraft werden wobei die Lieblinge des DFB und deren Fans ( und da möchte ich doch gern mal das allseits beschrieene Dortmund Spiel anführen ) als die harmlosen Opfer gewaltbereiter Vereine hingestellt werden. Des weiteren geht es darum, dass die Polizei und die Ordner der Gastgeber bei so genannten Problemvereinen Probleme gerne Heraufbeschwören ( sinnlose Wartetaktiken, Schikane, Beschimpfungen, provozierendes Verhalten etc pp ) und es Medial so hingestellt wird als wären wieder nur gestörte und gewaltbereite Fussballfans jener Vereine angereist ( wobei die meist die geringere Anzahl unter den fussballbegeisterten Fans darstellen ). Und zu guter letzt geht es ebenso darum das der DFB da eigentliche Problem gar nicht angehen will. Medial ist derartiges immer ein gute Möglichkeit grundlegende Probleme auf einen ( oder in dem Fall mehrere ) Sündenbock abzuwälzen. Anstatt das der DFB mit den Vereinen eine Strategie erarbeitet wie mit diesem Problem umgegangen wird, schiebt man den schwarzen Peter gern den Vereinen zu die sich am wenigsten wehren können oder eben nicht zu den „Traditionsvereinen“ gehören. Mit dieser Strategie wird sich nie etwas ändern, ausser das der Hass auf den DFB, seine Regeln und seine „Bestrafungsaktionen“ nur noch größer wird.

  8. November 2, 2012 um 5:13 pm

    Was geht eigentlich in den Köpfen derer vor, die die Bengalofeuer anzünden?!

    • oli
      November 3, 2012 um 8:52 am

      das frage bitte jeden einzelnen, egal in welchen stadion der ersten oder zweiten bundesliga du wirst jemand finden.!

  9. swiss
    November 2, 2012 um 5:41 pm

    Das Beste, was ich bisher zur Thematik gelesen habe.

    Generell und unabhängig von Dynamo Dresden stelle ich mir aber nicht erst seit Mittwoch die Frage: Weshalb ein chronisch klammer Zweitligaklub das ausbaden muss, wass die Politik und Gesellschaft im Rest der Woche nicht geregelt kriegen. Denn machen wir uns nichts vor, die Tribüne ist nur ein Spiegelbild dessen, was sich alltäglich abspielt.

    Wieder konkret zu Dresden: Was soll der Verein tun? Er hat keinerlei Zugriffsrechte auf die Fans und die, die sich als solche ausgeben. Er kann in fremden Stadien nicht den Einlass regeln und Leute mit Stadionverbot nicht am Zugang zum Stadion hindern. Er kann niemandem verbieten ein Ticket für das Stadion zu kaufen. Nada, njente, nichts – und die Liste wäre sicher nicht beliebig zu verlängern – wird aber komplett in Haftung genommen. Muss ich das verstehen?

  10. November 2, 2012 um 8:10 pm

    @Lea: Was findest du schön, was begeistert dich? Und was geht dabei in deinem Kopf vor und warum?

  11. Krümmel
    November 2, 2012 um 8:56 pm

    Klasse Artikel. Man kann nur bestätigen, dass es genau so abgelaufen ist. Die Zeilen, auch wenn ich nicht so Wortgewandt bin, hätten auch von mir stammen können.

  12. Gerswind
    November 3, 2012 um 6:28 am

    Reblogged this on Gerswind.

  13. Djonzo
    November 3, 2012 um 3:05 pm

    Danke aus Düsseldorf!

  14. Volker.Medger
    November 3, 2012 um 5:29 pm

    ;;Es wird Zeit das die Ultras generell Verboten werden, unzwar aus jeden deutschen Fußball-
    stadion,der Name ist schon eine Provokation….

  15. pardimpuansihombing
    November 5, 2012 um 12:09 pm

    Danke

  16. November 7, 2012 um 9:05 am

    Ostfussball.com war so frei -> Fundstück -> http://ostfussball.com/fundstueck-des-tages-287-dynamo-dresden-fans-ultras-taliban-1394/

    … & 🙂 -Gruß

  17. T.G.H.
    Dezember 20, 2012 um 11:35 am

    Schwachsinnige Zeitverschwendung dieser Beitrag.
    Ändern wird sich nichts.
    Positionen sind klar verteilt und Gesetze sind eindeutig geschrieben.
    Man kann sich auch alles schön reden und Objektives mit Subjektivem verschwimmen lassen.
    Bild wäre allerdings dankbar über solche Schmierer.

  1. November 3, 2012 um 1:27 am
  2. November 3, 2012 um 2:47 pm
  3. November 5, 2012 um 2:47 pm
  4. November 6, 2012 um 5:21 pm
  5. November 14, 2012 um 11:11 am
  6. Dezember 10, 2012 um 6:29 pm
  7. Dezember 23, 2012 um 4:40 am
    web

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