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Freudenhaus

Im künstlerisch-intellektuell geprägtem Dresdner Hechtviertel sind Frauen, die sich im klassischen Sinne als solche zu erkennen geben eine Minderheit, es wird viel Wert auf innere Werte gelegt!
Mein Auge kennen äußere Werte nur noch vom nächtlichen Bierkauf.
Denn es gibt ein Freudenhaus im Viertel! Die branchentypische Illumination lässt zwar eher eine Freudenetage vermuten, da es mir bisher aber wahlweise an Neugier, Verzweiflung oder Geld fehlte, um mir persönlich ein Bild vom Innenleben zu machen, phantasiere ich von einem Haus der Sünde.
Integriert, in das Haus, nicht die Etage, ist ein Spätshop, mit für Spätshopverhältnisse geradezu offener (ich möchte sie beinahe freundlich nennen) Bedienung. Alles andere wäre auch geschäftsschädigend, ließe sich hier zu Recht einwerfen. Jedenfalls mausert sich dieser Laden zu meinem bevorzugten nächtlichen Ort des Vorsätze über den Haufen Werfens. Der frühabendlichen Vernunft, nicht jede Nacht Bier trinken zu müssen, habe ich nach Sonnenuntergang nicht mehr viel entgegen zu setzen. Also bin ich mal kurz Bier holen. Und da ich schon mal dabei bin, inkonsequent zu sein, setze ich dem ganzen noch die Krone auf und suche den Teufel Alkohol im Sündenpfuhl. Auf dem Weg dahin komme ich an der St. Pauli Ruine vorbei, ohne spürbare Auswirkungen auf mein Seelenheil. Handelt es sich doch eine Kirche a. D. mit einem Name, der für den religiös unterbelichteten Menschen nach Unterwelt, Sittenverfall, Triebhaftigkeit, Seemannsromantik klingt. Das imaginäre Flair meines Kietzes erwacht.
Das Bier wird mir von meine niederen Instinkte ansprechenden Damen über den Tresen gereicht. Natürlich muss es sich bei ihr um eine Mitarbeiterin aus besagter Etage handeln, die sich an ihrem freien Tag etwas dazu verdient. Vielleicht ist sie Werbeträgerin, um den Mann, der alleine ist oder es lieber wieder wäre, vom Tütensuppeneinkauf auf einen Konsumwunsch zu bringen, der im chauvinistischen Sinne des Wortes auch was mit Tüten zu tun hat. Bei mir wirkt das nicht. Noch kann ich mir einreden, für Sex nicht bezahlen zu müssen, weil ich es nicht kann. Außerdem meldet sich in mir noch immer ein Rest meines jugendlichen Idealismus’, dass die Frau in mir einen begehrenswerten Don Juan und nicht einen Geldschein mit Schwanz sieht. Anderseits wäre es in ihrem Berufsleben sicher eine Bereicherung mal unter einem Highpotential arbeiten zu dürfen.
Ich kaufe aber nur ein und genieße den anrüchigen Akt, des optischen Kontaktes mit einer Dirne. Dabei lege ich Wert auf unverkrampfte Umgangsformen. Natürliches Auftreten signalisiert der Verkäuferin, dass ich sie nicht als Ware sehe sondern als Mensch akzeptiere. Als wüsste ich nicht ganz genau, womit sie ihr Studium finanziert! Ist ja auch nur ein Job der ihr hilft, in einer harten Zeit mit dem Arsch an die Wand zu kommen. Ich schaue ihr bei meiner Bestellung stets ins Gesicht und setze mein unverbindliches Lächeln auf, wie bei jedem beliebigen Verkaufsgespräch. Nur wenn sie in der Kasse das Wechselgeld sucht oder sich nach den Flaschen bückt, ruht mein Blick auf ihrem Kapital.
Sehe ich bei NETTO eine Frau, die ihre körperlichen Qualitäten zu Recht nicht versteckt und dabei eine offensive Einstellung zu Make Up, Frisur und Brustvergrößerung zur Schau stellt, ertappe ich mich bei Spekulationen über ihren Arbeitsplatz. Kauft sie auch noch überwiegend Pausensnacks, werden meinen Hypothesen schnell sehr horizontal. Das ist natürlich Quatsch. Die Echten haben ja einen Spätshop im Haus.

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