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Aufpasser

Das Informationszeitalter macht alles kaputt und mich krank. Es nimmt mir den Halt, die Orientierungspunkte.
Kinder die auf Bolzplätzen kicken oder auf Spielplätzen rumrüpeln, Schlammtorten für Tortenschlachten backen, ihre ersten Heldentaten auf Klettergerüsten vollbringen vermisse ich ja schon gar nicht mehr. Die sind – denken wir mal optimistisch – von Kabelprogramm und Videospielen verführt worden. In letzter Zeit wird mir aber zunehmend ein trauriges Phänomen bewusst, was einen Teil meiner deutschen Identität zu zerstören droht. Ich rede nicht vom sukzessiven Verschwinden der Vorzeigefirmen Opel, Karstadt/Quelle oder Salamander.
Ein alltäglicheres Problem lässt mein Sicherheitsgefühl abhanden kommen: das schrittweise Verschwinden der Aufpasser an den Fenstern und der verdeckten Ermittler hinter stets strahlend weißen Gardinen. Kein falsch geparktes Fahrrad, kein Kindergeschrei beim Ballspiel, kein fallengelassenes Butterbrotpapier entging dieser Aufpasserkohorte. Immer auf der Suche noch solchen und denen, die die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährden. Aber zunehmend fühle ich mich unbeobachtet und das verunsichert mich.
Es könnte an einer wachsenden Unterbeschäftigung liegen, die sich mit der sinkenden Zahl rüpelnder Kindern (siehe dazu oben) einstellt. Erklärt es aber nicht wirklich. Die steigende Zahl anpassungsunwilliger ausländischer Hausbewohner, bunthaariger Quertreiber, orientierungsloser Töchter und proletarisierter Ossis könnte diese Beschäftigungslücke leicht schließen.
Eine alternative Betrachtungsweise weist auf demoskopische Ursachen hin. Die alte Garde stirbt weg und es gibt keinen ausreichend motivierten und geschulten Nachwuchs – quasi ein Spiegelbild aller gesellschaftlicher Probleme. Seien wir doch mal ehrlich, egal ob Fußballer, Wirtschaftsbosse, Musiker oder Politiker – früher waren doch wirklich alle besser. Was fehlt ist der Nachwuchs, der heiß genug ist, nicht um des kurzfristigen Erfolges Willen Karriere zu machen. Es war ein entbehrungsreiches Leben, welches für das Wohl und Wehe der Hausgemeinschaft in Kauf genommen wurde, häufig verbunden mit wüsten Schimpfereien, persönliche Angriffen oder Ignoranz. Nur in ganz seltenen Fällen wurde mal ein Wort der Dankbarkeit verloren. Und ich gebe zu, ich habe es auch nicht zu schätzen gewusst. Aber jetzt, da sie weg sind …
Um ganz ehrlich zu sein, ich sehe den wahren Grund beim Lieblingsfeind aller Intellektueller und Andersdenkender: dem Fernsehen. Wo früher Oma Schulz und Opa Herrmann stundenlang an einer Stelle verharren mussten, um leider oft recht unbefriedigenden Ordnungsverstöße zu ermitteln, ist es heute sehr viel einfacher. Sie nehmen einfach das Kissen vom Fensterbrett und gehen direkt mit den Gesetzeshütern aller Couleur auf Streife. Im Fernsehen. Der Vorteil liegt im Gefühl einer höheren Erfolgsbilanz. An einem Nachmittag eröffnen sich Perspektiven, von denen selbst die Aufpasser in den exklusivsten Wohngegenden (Neubau mit ausladendem Innenhof, zu wenigen Parkplätzen, Lebensmittelladen im und Restaurant neben dem Haus, schriftlich aushängender Hausordnung und turnusgemäßen Mieterversammlungen) nur träumen konnten. Neben Falschparken und Hausordnungsdelikten konnte auch noch ein prüfender Blick auf die hygienischen Bedingungen der Lebensmittel verarbeitenden Branchen geworfen werden. Zudem stand alles geschrieben und es gab ein Forum, zur öffentlichkeitswirksamen Präsentation ihrer Rechercheergebnisse. All dies wird jetzt von den Aufpassern bei taff und von Patschek und Broti an Spannung übertroffen. Echte Besuche bei echten Assis, Blicke in Wohnungen, unter Küchentische, über Tresen, in Pfannen. Es wird bestätigt, was man schon immer wusste aber selbst hatte man ja nie diese Möglichkeiten wie im Fernsehen. Immer blieb nur der Blick durch das Fenster oder den Türspion. Verbunden damit stellt sich vielleicht auch ein Gefühl der Perspektivlosigkeit ein – mit dem, was da im Fernsehen aufgedeckt wird, kann ich doch eh nicht mithalten. Ich aber sage: Doch Sie können es! Nie war Ihre Arbeit an der Basis wichtiger als heute und nie die Karrieremöglichkeiten größer – die Chance auf Anerkennung. Nehmen Sie wieder Ihren Fensterplatz ein! Gerade bei uns im Osten. Wo fehlende Werte das gegenseitige Morden bestimmen, viele Blumenkästen verdächtig gut gedeihen und sich die Frage aufdrängt, warum die im dritten Stock in einer 4Raumwohnung leben, obwohl sie immer nur mit einem Kind zu sehen sind. Die Inge ist auch schlanker geworden. Ziemlich schnell. Von wegen neue Diät …
Von einigen Altersweisen ihrer Branche können Sie sicher auch noch wichtige Tipps bekommen, wie Sie hinter das Wahlverhalten des Einzelnen kommen und es beeinflussen können. Sicher geht es heute, anderes als früher, in erster Linie darum, Quertreiber von der Wahl fern zu halten. So können Sie ganz persönlich ein Stück zum gesamtdeutschen Wohl beitragen. Der Osten wird endlich humanisiert und demokratisiert. Keiner muss mehr Angst haben, hier sein Kind oder noch schlimmer eine Wahl zu verlieren.
Bitte, bleiben Sie am Brett!

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