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Glaubensbekenntnis

Dynamo Dresden – Ihr seid doch? Genau! Die Bremse der Fußballspaßgesellschaft. Die Ontologie des Proletensports. Die Feldstudie soziologischer Ursachenforschung von Fangewalt. Das Schwarze am Gelben.
Wo wir gastieren bleibt kein Stein auf dem anderen. Wo wir Gastgeben ist kein Stein auf dem anderen.
Gerne präsentiert sich die zum Verein gehörende Stadt als Musterschüler des Ostens. Wirtschaftswachstum, Frauenkirche, Semperoper, Grünes Gewölbe, (noch) Weltkulturerbe – der Frühling einer blühenden Landschaft ist angebrochen. Dagegen hat der selbsternannte Traditionsverein seit Jahren die Sonne nicht gesehen und täuscht vor, solide daran zu arbeiten, dort hinzukommen, wo er nach eigener Einschätzung hingehört. Und wir Fans glauben daran.
Es mag heute paradox klingen, der Erfolg hat mich zu Dynamo geführt. Das Erreichen des Halbfinales im UEFA-Cup 1989 und der spielerische Glanz von Mathias Sammer, Ulf Kirsten, Hans-Uwe Pilz und Ralf Minge verstellten mir den Blick auf eine zukunftorientierte Lieblingsvereinswahl. Die zwei Jahre später gesicherte Qualifikation für die Bundesliga wurde als normal hingenommen und der im Größenwahn vollzogene Niedergang nahm seinen Lauf.
Schon immer begleitete Dynamo die Gewissheit, von den Mächtigen der Fußballschattenwelt betrogen zu werden. In den goldenen Jahren zahlreicher DDR Vizemeisterschaften waren wir Stasi-Mielke ausgesetzt, der die Schiedsrichter die verhassten Dynamos aus Berlin zur Meisterschaft pfeifen ließ. In der Bundesliga mussten wir uns nun nach vierjährigem galliergleichen Kampf gegen die Übermacht aus der Stadt des Römers geschlagen geben. Lizenzentzug, Regionalliga – als müssten die Rolling Stones durch Baumärkte tingeln.
Spätestens seit dieser Schmach tragen Dynamofans das D wie ein selbst auferlegtes Stigma mit einer Mischung aus Stolz und Trotz. Unabhängig von der Liga ist die Stadionruine voll, egal was die verantwortlichen Balltreter unserer Netzhaut antun.
Entsprechend ernst nehmen wir uns. Ununterbrochen wird sich bei jedem der es hören muss dafür gerechtfertigt, warum Dynamo ein Traditionsverein und die Nummer 1 im Osten ist, wir auch friedliche Fans haben und im Stadion fast nie Naziparolen zu hören sind. In schwachen Momenten schiele ich dann schon mal etwas neidisch auf die Selbstironie St. Paulis oder die fröhliche Unverkrampftheit Mainz’ oder Aachens.
Aber ab einem gewissen Punkt kann man es sich eben nicht mehr aussuchen. Es geht nicht mehr um das Feiern von Titeln, sondern um das Ertragen von Misserfolgen, getragen von der jährlichen Illusion auf bessere Zeiten. Dieses Wunschbild ist Resultat einer explosiven Mischung aus rigoroser Tatsachenignoranz und entrückter 70iger/ 80iger Jahre Traditionsvereinsselbstüberhöhung. Gladbach- und Kölnfans wissen wovon ich schreibe.
Für einen Augenblick waren wir in der Nähe unserer Welt. 2004 der Aufstieg in die 2. Liga. Von der Vereinsführung bis zum Mitläufer war es sofort jedem klar: eine Zwischenstation auf dem Weg zum internationalen Geschäft. Schließlich handelte es sich nicht um irgendeinen Zweitliganeuling, sondern um den international renommierten 1. FC Dynamo Dresden, mit der Erfahrung von 98 Europapokalspielen! Eine Zwischenstation war es tatsächlich – nur in die falsche Richtung.
Nicht verzagt handelte man in dynamotypischer Manier. Der sofortige Wiederaufstieg wurde in Form von achtzig Tischtennisbällen in eine Glasvase gepfercht und an Trainer Pakult übergeben. Für jeden erspielten Punkt sollte ein Ball an Geschäftsführer Köster zurückgehen. Doch erst verschwand Pakult Richtung Wien, dann gerieten die Vase und schließlich der Aufstieg in Vergessenheit. Trainer Meier ist offenbar kein Freund von (Tischtennis)Bällen.
Aber in der kommenden Saison wird alles besser! Mit einem Sportdirektor, einem hauptamtlichen kaufmännischen Geschäftsführer und dem Stadionneubau wird der um ein Jahr verlängerte sofortige Wiederaufstieg vervollständigt.
Eine gesunde Mannschaft mit international erprobten Nationalspielern aus Zwergstaaten und vereinslosen Zweit- und Drittligasöldnern dominiert die Regionalliga. Dieser vorsaisonale Fakt des Aufstiegs ist so sicher, dass ich ihn zwar freudig aber nicht ekstatisch registrieren werde. So wie sich ein Bayern-Fan fühlt, der zum was weiß ich wievielten Mal irgendeinen Titel „feiert“; die Anstrengungen glaubwürdiger Euphorie ins Gesicht geschrieben.
Eine Saison kann ich damit durchaus leben! Schließlich sind wir die Bayern des Ostens!

Juni 2007

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